Der folgende Artikel dreht sich um Reportage in der Zeitung. Ersetzen Sie Zeitung durch Kundenzeitschrift oder Mitarbeitermagazin - Reportage bleibt Reportage, Feature bleibt Feature. Texte, die Spaß machen und wirken sollen....
Mehr Reportage in die Zeitung
von Michael Bechtel
(veröffentlich in: Redaktion 2005. Jahrbuch für Journalisten. Oberauer Verlag Salzburg, S. 107 ff.)
Häppchen-Journalismus alleine macht eben so manchen Leser nicht satt. Die Kunst der Reportage ist wieder gefragt – gerade auch in der Zeitung, gerade auch im Lokalen. Es darf hin und wieder etwas mehr sein: die analysierende Subjektivität des Beobachters, das lebendige Gefühl des Mit-Dabeiseins, die glänzende Formulierung, die durch Wortwitz tiefere Einsichten eröffnet. Ambitionierten Schreibern tun sich neue Chancen auf. Denn wer glänzende Reportagen schreibt, den Egon-Erwin-Kisch-Preis einheimst, rückt zu den Edelfedern der Zunft auf und sieht einer großen Karriere entgegen.
Doch gerade der Anspruch blockiert viele: Reden wir nicht von Tageszeitungen und begrenzten Textlängen? Von Arbeitsbedingungen, die es selten zulassen, dass sich Redakteure tagelang ausklinken, um ins pulsierende Leben abzutauchen und dann hingebungsvoll an Formulierungen zu feilen.
Da ist es wichtig, jungen Schreibern die Ehrfurcht zu nehmen. Tradition und ein literarischer Anspruch der Reportage, schön und gut. Nur sollte sich im journalistischen Alltagsgeschäft von diesem Treiben niemand zu sehr beeindrucken lassen. Dass die Reportage jenseits von 300 Druckzeilen erst möglich werde, ist theoretischer Unfug. Und wer sich mit dem stilistischen Können eines Herbert Riehl-Heyse nicht messen mag, sollte trotzdem die Finger von der Reportage nicht lassen.
Erinnern wir uns: Die Reportage ist erst einmal eine Form des Berichts – jeder, der journalistische Techniken gelernt hat, kann sie meistern. Übergänge sind ohnehin fließend: Ob ein Text „noch“ ein lebendig geschriebener Bericht oder „schon“ eine Reportage ist, können wir dem Urteil der Journalistik-Professoren überlassen. Mag die Reportage in ihren Spitzenleistungen auch literarische Qualitäten gewinnen – je weniger wir bei der Arbeit darauf schielen, desto entspannter wird sich der Text lesen.
Was Reportage ausmacht
Das Wesen von Reportage lässt sich in sechs Grundregeln fassen, die höchst anspruchsvoll klingen, letztlich aber Handwerk sind:
Reportage erzählt von Gesehenem und Erlebtem. Deshalb lässt sie sich nicht im Archiv recherchieren, obschon Archivrecherchen bei vielen Themen sinnvoll sind. Dieses Sehen und Erleben aber gewinn seine Reportagequalität, indem der Reporter Grenzen überschreitet: für den Leser schaut er hinter Kulissen, geht an Orte, die dem normalen Menschen nicht zugänglich sind, begibt sich in Situationen, denen sich die meisten Menschen nicht aussetzen würden.
Der Reporter schildert seinem Leser Eindrücke und Erkenntnisse aus eigenen Erleben. Offenen deklarierte Subjektivität gehört zu den Definitionsmerkmalen von Reportage: Der Reporter wird der Spiegel, in dem der Leser Wirklichkeit wahrnimmt.
Daraus resultiert die sinnliche Qualität der Reportage: der Leser nimmt Erlebnisse, Situationen, Menschen durch die Sinne des Reporters wahr, der sie ihm beschreibt, damit Bilder und Vorstellungen im Kopf des Lesers erzeugt. Solche Bildhaftigkeit ist nicht das einzige, aber das Kernelement der Reportage. So gut er eben kann, bedient sich der Reporter dabei der Wirkung von Klang und Rhythmus der Sprache – kurz: des Instrumentariums literarischer Techniken
Reportage ist Leben, es passiert etwas: Schauplätze, Situationen, Begegnungen wechseln, neue Personen tauchen auf. Die Reportage ist deshalb szenisch aufgebaut. Damit muss der Reporter nicht dem tatsächlichen Ablauf folgen. Er arrangiert, inszeniert, ja dramatisiert die Abfolge der Szenen so, wie er seinen Leser am ehesten fesseln zu können glaubt. Eher selten werden Ereignisse und Begebenheiten chronologisch erzählt – dann nämlich, wenn gerade die Chronologie Dramatik und Dynamik vermittelt.
Bei aller Subjektivität bleibt kritische journalistische Distanz wichtig. So ist die Ich-Form keineswegs die Regel, eher die Ausnahme: geeignet vor allem für Reportagen, in denen das Empfinden des Reporters zum eigentlichen Thema wird. Wer per Selbstversuch über die Gefühle und Gedanken eines Fallschirmspringers in den Minuten zwischen Absprung und Landung berichtet, darf das ruhig in der Ich-Form tun.
Bei aller Subjektivität, bei allem Bemühen um Sinnlichkeit und Dynamik: Die Reportage bleibt eine informierende Stilform, und sie muss sich dabei nicht auf das „Miterleben“ beschränken. Der kunstvoll arrangierte Reportagetext hat durchaus Raum für Einsprengsel, sogar für ganze Passagen an Sachinformation – auch sie möglichst gefällig erzählt, so dass sie den Lesewert des Textes nicht schmälern. Überfrachtet mit Daten und Fakten darf eine Reportage nicht daherkommen
Diese sechs Grundforderungen lassen sich maßstabsgerecht auch auf kürzere Zeitungsreportagen herunter brechen: Die Arbeit eines Pflegedienstes beispielsweise lässt sich durchaus in fünf Schlüsselszenen komprimieren – beispielsweise:
- drei Pflegesituationen auf der Tour einer Pflegerin,
- vielleicht eine Mitarbeiterbesprechung, weil dort viele Probleme zur Sprache kommen,
- vielleicht zusätzlich ein Beratungsgespräch mit Angehörigen, ein Gespräch mit der Pflegedienstleitung o.ä.,
- Eine Pflegeszene – z.B. mit einem dementen Patienten – mag eine starke Einstiegsszene hergeben.
Der eine oder andere informierende Absatz eingerechnet, lässt sich eine solche Reportage durchaus auf 120 Zeilen schreiben. Wichtig allerdings, und das muss der Schreiber lernen: die Erzählökonomie. Szenen brauchen keine langen Einleitungen, schon gar keine Überleitung. Harte Schnitte sind kein Problem für den Leser. Mitten in Situationen hineinspringen, heißt die Devise. Lange Beschreibungen werden schnell langweilig – es zählt das treffende Details, das kurze Zitat.
Der Dokumentarfilm im Kopf
Stichwort: Kopfkino! Wer auch immer diesen Vergleich zwischen dem Handwerk des Filmemachers und des Reporters aufgebracht hat – er ist erhellend, auch wenn er seine Grenzen hat. Der Leser soll in der Phantasie dabei sein: es geht um Bilder – um einen kleinen Dokumentarfilm, mindestens eine kleine Diashow im Kopf.
Wie der Drehbuchschreiber plant der Reporter seinen Text als Abfolge von Szenen. Die wiederum fügen sich zusammen aus einer Folge von Bildern – in der Sprache des Films: Einstellungen. Auch erzählerisch lassen sich Nahaufnahmen produzieren oder Totalen, lässt wie beim Gegenschnitt der Blickwinkel wechseln. Talentierte Erzähler machen das oft unbewusst, doch solche Tricks lassen sich lernen und trainieren.
Beispiel:
„Der kleine Schlüsselbund um ihren Hals schwingt wie ein Glockenklöppel vor dem weißen T-Shirt hin- und her. (Nahaufnahme auf ein Detail) Sein Rhythmus folgt den weiten Gesten, die der Pflegedienstleiterin die Suggestivkraft einer Dirigentin geben. (Die ganze Person kommt in den Blick, dann der Gegenschnitt:) Den ausholenden Armen folgen die Blicke der Kolleginnen äußerst konzentriert. Fünfzehn Frauen jeden Alters sitzen, ihre Notizblöcke vor sich ausgebreitet, um den Besprechungstisch und hören Jolánka Schneider zu, die in akzentreichem Deutsch die Dekubitusprophylaxe anhand von Charts erläutert. Jolánka Schneider ist nicht in Deutschland geboren - wie die meisten ihrer Kolleginnen…“
Die wirkungsvolle Beschreibung ist ein durchdachtes Arrangement unterschiedlicher Bilder zu einer Szene.
Wer beschreiben will, muss Schauen lernen
Beobachten ist eine Kunst, die nicht jeder von vornherein beherrscht, die sich aber lernen und trainieren lässt. Beteiligt daran sind alle Sinne – gemeint ist aber auch hören, fühlen, riechen und schmecken.
Drei Grundregeln:
- Bei Interviews oder Veranstaltungen nicht nur auf das gesprochene Wort achten, sondern die Aufmerksamkeit bewusst auch auf den äußeren Rahmen richten: Wie sieht es hier aus? Den Redner oder Gesprächspartner systematisch beobachten: Gestalt, Kleidung, Mimik, Gestik, Körpersprache können wichtig sein.
- So viele Details wie möglich erfassen – meistens weiß der Beobachter vor Ort noch nicht genau, welche Zutat der Schreiber später brauchen wird, um ein lebendiges Bild zu liefern.
- Alles in Stichworten notieren – Profis verlassen sich nicht auf ihr Gedächtnis. Wer sich erst beim Schreiben fragt, ob die Rednerin blaue, grüne oder braune Augen hatte, hat eine Chance verpasst.
Bedenke wohl die erste Zeile
Wie gesagt: Jeder Vergleich hat seine Grenzen. So kann gerade der Einstieg in eine Reportage durchaus ganz unszenischer Natur sein. „Bedenke wohl die erste Zeile!“, heißt es bei Goethe. Heute sprechen wir von Lesemotivation: Der Einstieg muss ja den Leser fesseln, ihn überzeugen, sich den Tort der durchaus längeren Lektüre anzutun. Da sollten die ersten Zeilen gleich ein Höhepunkt sein. Der Rat, den ein amerikanischer Regisseur einmal einem Nachwuchs-Drehbuchschreiber gegeben haben soll, taugt gewiss: „Mit einem Erdbeben einsteigen – und dann langsam steigern!“
Nur: Woher das Erdbeben nehmen, wenn es um die Arbeit eine ambulanten Pflegedienstes, die Tätigkeit eines Fallberaters bei der Agentur für Arbeit oder die Sommerakademie für junge Wissenschaftler aus aller Welt geht? Manch schönes Reportagethema gibt die dramatische, alles auf den Punkt bringende Szene niemals her.
Der gute Rat: Wo sich die Einstiegsszene nicht von selber aufdrängt – lieber gleich in völlig andere Richtung denken. Sonst kommt Anfang vielleicht ein wenig beliebig daher. Eine verblüffende These, eine kühner Vergleich, ein ausgefallenes Bild oder eine witzige Zusammenfassung sind dann allemal besser.
Subjektiv heißt nicht kommentierend
Der Reporter ist in der Reportage stets präsent. Seine Subjektivität bestimmt die Sichtweise, der Artikel kann kaum frei sein von den Bewertung des Reporters. Die Reportage ist aber nicht der Ort für platten Meinungsjournalismus. Kommentierender Wendungen und Passagen sollte sich der Schreiber verkneifen. Schließlich hat der Leser das Recht, nach der Lektüre seine eigenen Urteile Schlussfolgerungen zu ziehen.